Kindergeldverblödung oder familienpolitische Weichenstellungen?

Zunächst einmal freue ich mich natürlich, dass die Koalition meines Vertrauens etwas für Familien tun möchte. Das ist gut und immer zu begrüßen. Dass sie das dann auch noch mit dieser schier unglaublichen Innovationskraft tut, beeindruckt mich nachhaltig. Dass sie es so ernst meinen mit den Tigerenten und dem Mittelstandsbauch lässt mich euphorisiert zurück. Da werden richtig neue Wege in der Familienpolitik eingeschlagen.
Unterm Strich: Ein Aufbruch wie ich ihn erwartet habe als ich vergangene Woche beschlossen habe, mich hinter meine neue Regierung zu stellen.
Da wäre also zunächst mal die Erhöhung des Kinderfreibetrags. Eine gute Idee, eine innovative Idee – endlich mal was Neues. Angesichts der Tatsache, dass etwa die Hälfte aller Haushalte keine Steuern bezahlen, ist das wirklich ein tolles Instrument für die Gut- und Besserverdienenden. Die freuen sich und ich mich mit ihnen.
Dann nicht zu vergessen: Der Plan, das Kindergeld zu erhöhen. Das kostet ganz wenig und bringt richtig viel – vor allem für die Kinder. Das wissen die Angela und der Guido nur zu gut. Da kann man ne Menge Tigerenten von kaufen. Auch andere Dinge. Und die Kinder freuen sich, dass sie das Taschengeld erhöht bekommen, um es dann zurücklegen zu können, um die Kitagebühren, ihre Schulbücher oder den Klassenausflug zu bezahlen und um später vielleicht mal ihr Studium finanzieren zu können. Freuen tun sich auch die Eltern – sicher auch diejenigen, die zwar Kinder haben, aber das manchmal vergessen.
Sicher, das sind nicht so viele, aber an die ist so auch gedacht. Und es freut sich der Einzelhandel, weil die Plasmabildschirme und Playstations wieder verstärkt Absatz finden. Und wenn sich alle freuen, dann freue ich mich auch, weil die Erhöhung auf 200.- Euro Kindergeld mit etwa 8 Milliarden Euro kaum ins Gewicht fällt und weitere rückwärtsgewandte Maßnahmen wie zum Beispiel das Ganztagsschulprogramm (4 Mrd Euro), das unsere Gesellschaft dermaßen durcheinander gebracht und zurückgeworfen hat, zukünftig wenigstens jeglicher Diskussionsgrundlage beraubt wird.
Ich habe jetzt auch verstanden was mit dem Spruch „Leistung muss sich wieder lohnen“ und auch was mit diesem „Mittelstandsbauch“ gemeint war … will das aber an dieser Stelle nicht weiter ausführen, weil das ja nicht ganz so jugendfrei ist und dann bestimmt zensiert werden muss.
Unterm Strich: Liebe Nation, diese familienpolitischen Pläne sind dermaßen 80iger und in etwa so innovativ wie wenn Daimler jetzt die Erfindung des Dieselmotors vorstellen oder Wrigley erneut die große Frische und den lang anhaltenden Geschmack von Wrigley’s Spearmint Gum als Neuerung anpreisen würde.
Ich freu mich ja schon auf die Zeit nach den Landtagswahlen in NRW. Dann marschieren wir familienpolitisch sicher schnurstracks weiter Richtung 60er und 50er. Dann kommen wir endlich zum Kern, zu wirklich familienpolitischen Innovationen, die unser demographisches Problem nachhaltig lösen werden.
Dieses Gleichstellungsgelaber hat endlich ein Ende, die Herdprämie wird zügig eingeführt. Alles wird wieder wie früher und die Pille wird auch abgeschafft – die hat uns ohnehin nur Ärger gebracht, die Pharmakonzerne reich gemacht und uns überhaupt erst in dieses demographische Dilemma reinmanövriert. Alice Schwarzer wird dann auch sicher als Testimonial für Angela Merkel (die mögen sich ja so gern und schwimmen inzwischen politisch auf einer Wellenlänge) und ihre Politik auftreten und sicher auch wieder mal eine Kampagne initiieren – dieses Mal vielleicht mit dem Titel „Frauen zurück auf Los – für ein neues Morgen“. Da wird ihr sicher auch die BILD-Zeitung bei helfen, denn für die macht die Schwarzer bekanntlich ja auch Werbung und dieser Geist passt gut ins Profil dieser Qualitätszeitung.
Ach wie sich das alles fügt, herrlich!
Ich freue mich dann auch auf die neue Generation Heimatfilme, auf die ich zukünftig nicht mehr wie bisher bis Sonntag Nachmittag warten muss, und bin schon ganz aufgeregt wegen der Premiere von Thomas Gottschalk als neuen Moderator des Tigerenten-Clubs. Dafür hatte er sich doch explizit ausgesprochen und beworben.
Herzliche Grüße an meine Koalition des kollektiven Aufbruchs in die Vergangenheit! Ich mag euch!



super text!
Polemik schön und gut, Freunde. Aber recherchieren geht über polemisieren. Familien, die Kinderzuschlag oder ergänzend oder ganz Hartz IV erhalten wird das Kindergeld in voller Höhe abgezogen, also nix mit Plasmaschirmen und anderem. Das hätte man wissen können.
Das all das unabhängig davon nicht die richtige Familienpolitik ist, ist richtig. Nur, wenn man darüber dikutiert, sollten auch die Fakten stimmen und dass wir uns jetzt dem Familienbashing anschliessen und gering verdienende Familien über den Kamm der Unfähigkeit scheren, stimmt mich traurig. Das können wir getrost der tigerente überlassen, die erklärt, dass man im Winter keine Heizung braucht, es gibt ja Pullover…leicht verstimmt, liebe Genossinnen und Genossen, dennoch einen guten Tag
@Syd: In dem Artikel wird keinerlei Bezug zu ALGII-Empfängern hergestellt. Insofern ist mir unklar, worüber Du einen Bezug herstellst. Auch Familienbashing ist nicht Teil der Ausführungen – im Gegenteil: Es geht um eine vernünftige zukunftsweisende Familienpolitik, die in die Köpfe der Kinder investiert und nicht in die Portemonnaies der Eltern. Es geht um eine Politik, die Investitionen so vornimmt, dass wir zu einer sozialen Durchlässigkeit kommen. Wenn Du das auch so siehst, gibt es glaub keinen Grund für Verstimmung!
Der Bezug kommt davon schon zustande, dass du in die gleiche Kerbe schlägst in die andere Parteien schlagen, die Plasmaschirme. Und Eltern unter den Generalverdacht zu stellen, dass sie das Geld nicht in ihre Kinder zu investieren gedenken ist bei aller Polemik die erlaubt ist, einfach untere Schublade. Mehr Geld für Bildung? Her damit! Dennoch müssen auch wir uns Gedanken machen, wie wir der steigenden Kinderarmut begegnen wollen und die lösen wir nicht mit mehr Bildung.Das ist kein einfaches Thema, Thomas, aber ich würde mir wünschen, dass wenn Kritik, die an dieser Stelle berechtigt ist, kommt, nicht mit diesen Dingen kombiniert wird und wie gesagt, von 40 euro mehr Kindergeld kauft sich kein Elternteil nen Plasmaschirm. Dass die 8 Mrd in Ganztagsschulen besser investiert wären ist richtig. Erstens hätten wir die Kinder eben auch mit Essen versorgt und zweitens könnten dort auch Kinder Hobbys nachgehen, deren Eltern sich das privat so nicht leisten können und und und. Du siehst es gibt viele gute Argumente dafür…da braucht man nicht mit sowas kommen. Mit einem einzigen Satz wird so nämlich ein eigentlich richtiger Artikel zu, na danke.
Auch dieser Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf !
Ich sehe es auch für unsere Kinder als wichtiger an statt einer Kindergelderhöhung den Kindern direkt Leistungen zukommen zu lassen und die Bildung und Betreuung endlich voranzutreiben – sonst sind unsere Kinder die Verlierer – was muten wir ihnen denn noch alles zu – wie kurzsichtig sind diese kinderlosen Repräsentanten der Republik ?
Es war ja nicht alles schlecht in den 80ern: Ich jedenfalls hab’ die 200 Euro Kindergeld schon fest verplant. Die Kohle will ich jetzt auch haben. Und die Herdprämie nehme ich auch noch mit. Plasmabildschirm hab’ ich zwar schon, aber die ein oder andere persönliche Zukunftsinvestition fehlt noch.
Und immer dieses Totschlag-Argument, dass wir das Geld besser für den Ausbau der Kinderbetreuung brauchen… und Bildung… – mit dem FDP-Bürgergeld brauchen wir das alles nicht mehr. Und die Uni kann sich sowieso bald keiner mehr leisten. Dann müssen auch nicht mehr so viele Abitur machen.
Also, jetzt gilt: abgreifen, was geht, Fünfe gerade sein lassen und nicht immer nur an Morgen denken.